Lisas Mixkassette #1

Lisas Mixkassette #1

„Ohne Musik wäre das Leben sinnlos“. Das wurde ja an anderer Stelle schon festgestellt und eben weil das so ist, habe ich mich dazu entschlossen, meinen Ausflug in die Welt der Musik aus dem Eintagsfliegen-Status zu erheben und ab sofort regelmäßig eine kleine aber feine Auswahl an musikalischen Perlen zu liefern! Ich sagte damals, ich sei sehr faul, was die Beschaffung dieser Perlen angeht. Das stimmt auch, ich gelobe allerdings Besserung. Ihr bekommt also nun einen Einblick, was meine Nachbarn tagtäglich ertragen müssen. Und wenn es auch nur einen Menschen gibt, der sich dadurch verleitet fühlt, den eigenen Plattenbestand hier und da aufzustocken, dann bin ich schon sehr selig und zufrieden. (In Wahrheit geht es hier natürlich ausschließlich darum, der Welt peu à peu den eigenen erlesenen Geschmack aufzuzwingen) Auf Aktualität wird zwar geachtet, ist aber nicht oberstes Gebot! Wäre ja auch schade, großartige Hymnen vergangener Tage unter den Tisch fallen zu lassen, nur weil sie schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben.

Also liebe Freunde des guten Geschmacks und solche, die ihr es werden wollt: Lauscher aufsperren und glücklich sein, jetzt!

TOCOTRONIC – Ich will für dich nüchtern bleiben (hier leider nur als Teaser, reicht aber, um von angepriesener Großartigkeit zu überzeugen!)

„Um Dämonen zu vertreiben, will ich für dich nüchtern bleiben“, singt der Dirk da. Und selbst wenn das mal nicht so gut klappt, auch egal, mit TOCOTRONIC kann man sich nämlich betrunken mindestens genauso gut die Ohren durchpusten. Ich weiß noch, wie ich das erste mal GEGEN DEN STRICH im Club gehört habe. Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber es wurden Tränen vergossen und es war sehr schön. WIE WIR LEBEN WOLLEN, das mittlerweile zehnte Studioalbum der Band, macht nun Fans zu Fanatikern und Gegner zu Todfeinden. „Pseudo-philosophischer Akademiker-Schwulst!“ mag da einer schreien, aber derjenige ist schlicht und ergreifend doof. Denn niemand sonst kriegt diese bizarre Ausgewogenheit aus Schlager-esquem Instrumentarium und poetisch-verstörenden Texten so charmant hin, wie die vier Hamburger. Anhören!

FIDLAR – Cheap Beer

Auch wenn die Vorsätze sehr löblich waren, mit dem nüchtern bleiben wird das wohl nix. Und so hohe Töne ich gerade noch auf Poesie und Feinsinn sang, so sehr zerstöre ich die gleichen nun wieder. Manchmal muss man sich eben auch auf den Abgrund seines Verstandes begeben und ein bisschen verweilen. So à la Feuer, Eis und Dosenbier. In cool, versteht sich. Surfpunk is alive und zwar so sehr, dass er dir ordentlich die Fresse poliert, wenn du nicht aufpasst. Aufpassen ist aber uncool, deswegen raten FIDLAR zu Alkoholkonsum als sei die Leber ein Fass ohne Boden, auf dass man sich selbst so sehr zerstöre, wie es nur eben geht. Fuck it dog, life’s a risk! Oder wie man heutzutage auch gern sagt: YOLO!

KING KRULE – Neptune Estate

Auch wenn man es aufgrund seines Äußeren natürlich nicht annehmen würde (heute habe ich meinen netten Tag), KING KRULE ist DAS neue Wunderkind des britischen Pops! Der 19-jährige Londoner erscheint in diesem August mit seinem Debütalbum SIX FEET BENEATH THE MOON zwar nicht zum ersten mal auf der Bildfläche, doch diesmal dreht sich die Musikwelt nach ihm um und überschüttet ihn mit Blumen und Pralinen. Kommt aber auch nicht von ungefähr, wer vom grandiosen Post-Dubstep-Duo MOUNT KIMBIE für gemeinsame Singles und Tour rekrutiert wird, muss schließlich was auf dem Kasten haben. Der König wirft hier allerhand durcheinander, von Soul und R’n’B, über Pop und Singer/Songwriter, bis hin zu Dubstep-Beats und nennt das ganze dann „Blue Wave Glue Wave“. Klingt schön oder? Ist es auch.

Love A – Windmühlen

Es ist nicht immer nur alles Friede, Freude, Eierkuchen und es ist schön, wenn das auch mal jemand sagt und zwar laut. Ein Song gegen Oberflächlichkeiten, Plattitüden und von Konsum zerfressene Gehirnmasse, eingepackt in wavigen Post-Punk. Zynismus und Scharfzüngigkeit haben bereits den Erstling EIGENTLICH ziemlich flott ins Herz geschleust, denn zum bissigen Gemecker gesellt sich stets die nötige Portion Schalk im Nacken. Das ist auf dem neuen Baby IRGENDWIE zwar nicht anders, trotzdem legt Sänger Jörkk hier erstmals den Ironie-Panzer ab und klatscht uns die harte Wahrheit eiskalt ins Gesicht: „Du wünschst Dir Facetime mit Kathrin – ich wünsche mir meine Faust in Dein Gesicht. Du lebst in einer Welt, in der es statt Inhalten nur Überschriften gibt. Du hast keine Ahnung, wofür mein Herz schlägt.“ Basser Dominik hat mal gesagt: „Zu poppig für die Punker, zu punkig für die Indiedisko, aber trotzdem ganz gut„. Sympathisch sind sie obendrein auch noch!

Funny van Dannen – Mikado

Nach so viel Kulturpessimismus jetzt einmal auf Durchzug schalten im Oberstübchen. MIKADO ist keine Metapher für komplizierte Sachverhalte, mit denen sich sonst vielleicht die Kognitionswissenschaft beschäftigt. Nein, es geht tatsächlich um Mikado. Und Spaghetti. Wer dem fabelhaften Liedermacher an dieser Stelle aber Nonsens und Hanswursterei vorwirft, der hat nicht genau aufgepasst. Monsieur van Dannen analysiert das Leben auch auf seiner dreizehnten Platte FISCHSUPPE, in allen seinen Bedeutsamkeiten und in allen seinen Bagatellen. Er analysiert, schraubt auseinander und baut es verquer und schief, aber immer wieder verblüffend ehrlich und richtig zusammen. Dabei entstehen leise, philosophische Meisterwerke wie FANG DEN PUDDING. Oder eben herrlich behämmerte Oden auf MIKADO.

Nine Inch Nails –  Only

Wie gesagt, Aktualität ist hier nicht der oberste Anspruch. Nur Wumms soll es machen, und zwar ordentlich. Folglich freue ich mich nicht nur über Neuentdeckungen, sondern eben auch über Wiederentdeckungen fast vergessener Glanzstücke! ONLY ist so eines, das ich vor kurzem ausgebuddelt habe und von dem ich mich jetzt nicht mehr losreißen kann. Synthiepop verschmilzt mit Industrial und nistet sich bis auf Weiteres in den Gehörgang ein. Trent Reznor brüllt „There is no you, there is only me“ und auch wenn man nicht so aggressiv drauf und narzisstisch veranlagt ist, denkt man „Yes, yes, yes!“ und möchte sein lautestes Organ hervorkramen. Kann man zwar auch ein bisschen platt finden, muss man aber nicht.

Marek Hemmann – Mars

Wer schon vorher Fan des deutschen Musikers und Produzenten war, wird wohl bei BITTERSWEET auf seine Kosten gekommen sein. Auch wenn die Sound-Mischung aus warmem House, eingängigen Melodien und stimmigen Basslines nun wirklich keine Seltenheit mehr ist, hat gerade er die Kunst dieser Verschmelzung mit Löffeln gefressen! Simpel sind sie, die Tracks auf BITTERSWEET, aber nie langweilig, sondern laden zum träumen ein. Der Sommer muss ganz schnell kommen, damit die Träumereien auf zahlreichen Open Airs und Festivals weiter gesponnen werden können!

CLOUD NOTHINGS – Cut You

Die 90er haben sich seit Jahren erfolgreich zurück ins Bewusstsein gekämpft, nicht nur auf den Laufstegen, sondern auch im Gehörgang! Post-Punk, Grunge und früher Emo (als er noch nicht wusste, was Kajalstifte sind) werden wieder gefeiert bis einem die Ohren bluten. Kräftiges Ohrenbluten verursachen auch CLOUD NOTHINGS auf ihrem dritten Album NO FUTURE/NO PAST und das macht so viel Spaß, dass man sich suhlen möchte in Selbstvergessenheit, Schmerz, Lethargie und Fuck-it-all-Attitüde. Sänger Dylan Baldi kräht: „I miss you ‚cause I like damage, I need something I can hurt“, und ich denke: „Hach…“

MATTHEW HERBERT – It’s Only (DJ Koze Remix)

Auch wenn ich kein Spezialist bin, was elektronische Musik angeht, und im Topf der aktuellen Techno- und Houseszene für meine ungeübten Ohren ein sehr dicker und pappiger Einheitsbrei herrscht, kommt hier und da auch mal ein Track um die Ecke, dass einem Hören und Sehen vergeht. So geschehen mit DJ KOZEs Remix für MATTHEW HERBERTs IT’S ONLY. Recht schnell ist das Stück zum absoluten Standardwerk auf jeder anständigen House-Party avanciert und das kommt nicht von ungefähr. Der Track zieht dich auf den Grund eines Ozeans und lässt  nur schwerlich wieder auftauchen!

BLOOD ORANGE – Champagne Coast

Unser anfänglich erwähntes Alkoholproblem reißt nicht ab. Möglicherweise sind das die Nachwehen von Silvester? Schließlich wurde sich da mit Sicherheit an die ein oder andere CHAMPAGNE COAST begeben! Den Soundtrack dazu liefert Multitalent Devonté Hynes, der manch einem vielleicht sogar noch aus dem Arty-Electro-Punk-Projekt TEST ICICLES bekannt sein könnte. Stilistisch verschlägt es den Guten auf seinem Debütalbum als BLOOD ORANGE allerdings in ganz andere Gefilde. Funk- und Soul-Pop lautet nämlich die Devise, tropische Percussions und poppige Synthiebeats versetzen schnurstracks zurück mitten in die 80er Jahre. Dass man sich im Hause Blutorange schon hier und da mal auf seine vier Buchstaben gesetzt haben muss, um den Klängen von PRINCE zu lauschen und sich eine ordentliche Portion Glitter, Glanz und Glamour abzuschauen, dürfte niemanden überraschen! Klingt super cheesy, oder? Ist es auch und ihr glaubt gar nicht, wie toll das ist!

Lisas Mixkassette #1