Innerer Monolog /// Modern Mitteschicht FSD FOTO

Wir lieben die handgestrickten Pullover von Oma und spielen während Gesprächen mit unseren smarten Phones, hören uns weniger zu, als dass wir posten und sagen lieber nicht, wie es wirklich um unsere Gefühle steht. Denn was sind schon unsere modernen Luxusleiden? Nichts, nur bunte Leere umgibt uns.

Wir leben im Herzen der Metropole, meistens in Mitte, oder halten uns so lange wie möglich dort auf, um zum Teil dessen zu werden, was uns Innovation bedeutet. Wenn es regnet, verlassen wir weder Büros noch die Milchbars in denen wir Latte schlürfen und glatt sind. All unser Streben und Wollen, Tun und Begehren richtet sich nach der Erschaffung des großen Neuen. Triebhaft, mit allen Mitteln suchend, nach dem wahren Kern unseres Seins. Am besten könnten wir dies durch unsere Arbeit. Selbstverwirklichung ist dieser Traum des „Yes We Can„, der uns zu ewigen Taschengeldempfängern macht. Der uns festhält und zuschnürt und zu Boden ringt, wie in einem heißen Schaumbad, schwelgen und taumelnd zugleich, steigt uns die Hitze zu Kopf und wir verlieren das Bewußtsein. Wir lieben überteuerte Vintagemöbel, skandinavischen Lifestyleschnickschnack, verurteilen Amerika und grübeln über andere Länder mehr als über unsere Sitten und fühlen uns dabei begehrt.

Wir tragen mit falschem Stolz die Gesichtsfrisuren unserer Väter und die Seitenscheitel einer Generation, die wirkliche Probleme und Leid kannte, ohne Plagiate fürchten zu müssen. Wir kennen keine Konsequenzen. Wir kämpfen nicht und begehren nicht auf. Uns geschieht. Unser Antrieb sind die Spielwiesen der Kurzweiligkeit und deshalb fühlen wir uns schuldig und verantwortungsfrei anstatt losgelöst. Eine postmoderne Scham, die nur Wenige kennen und die unser größtes Luxusgut ist. Hunde tragen wir in Handtaschen und unsere Häuser werden bewacht durch Stahl, oder doch lieber gleich abgerissen, um allem, was war, zu zeigen, dass wir es besser können, es beherrschen und zudem begradigen, was schief lief.

Muttis Kochkünste werden wir nie erlernen, dazu fehlt uns die Zeit, der Wille, vielleicht die Erziehung. Dafür können wir aber nichts. Bei Omi schmeckst ja eh am besten. Überhaupt haben wir das Nichts und erschaffen Alles neu, indem wir verschnörkeln was es bereits gab, was Krach machte und für Skandale sorgte. Wir selbst sind so schnöde, dass eine solche Kritik oder gar diese Ahnung uns vernichten würde. Die zarten Seelen von Mitteboys. Unsere Kinder, die werden es einmal besser haben, dafür sorgen wir mit Hilfe von Baby-Yoga, und allerhand vom Besten. Ihnen soll es nicht so ergehen wie uns, die wir um unser Zentrum kreisen, wie die ersten Kosmonauten, die sich zu langsam dem Mond näherten und verloren. Wir werden uns nie finden – und weil wir das wissen, können wir diese Suche so langsam und qualvoll angehen. Wir sind die Kreativen, die diese Zeit prägen – wollen. Wir sind nicht die, die Leben retten oder Anderen etwas beibringen, oder hinter dem Profit herjagen wie Winnie the Puh hinter dem Honig. Wir sind diejenigen, die verbildlichen, vertonen, interpretieren und zerstückeln, etwas schaffen – um irgendwann aus den kleinsten Elementarteilchen eine neue, für uns akzeptable Kunst, Welt, eigene Wirklichkeit zu schaffen. Da Wanda ist unser Marktplatz und Ebay der Friedhof vergangener Träume, die wir mittels von weißen Spielzeugen mehr pflegen, als die Familiengräber auf den Friedhöfen, die uns Schauer über die Rücken laufen lassen.

Unsere Kinder werfen ihren Müll auf die Straße, unsere Gespräche finden im Chat statt und Arbeit ist das, was uns zutiefst erfüllt. Wir sind die gebildete Mitteschicht, ohne Netz, dafür aber mit Dreifachjobs und W-Lan. Unsere Projekte sind uns lieber als der Rest. Für Beziehungspflege haben wir wenig Zeit, das machen wir später, in einem anderen, dafür vorgesehen Lebensabschnitt, mit einem der jeweiligen Gefährten. Lieber sollten wir netzwerken, um irgendwann, doch ein Stück von dem Kuchen abzubekommen, an dem unsere Eltern seit dreißig Jahren mit viel weniger Vergnügen backen.

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