Bye Bye Selfie – Ein Kommentar über die Entwicklung eines neuen NarzissmusIst eine ganze Generation unsicher?

Der Hashtag #Selfie wurde 183,435,829 Millionen mal bei INSTAGRAM, einem sozialen Fotonetzwerk, verwendet und jeden Tag kommen mehr Beiträge dazu. 2013 wurde das Schlagwort Selfie vom OXFORD ENGLISH DICTIONARY zum Wort des Jahres gekürt. Ein Anglizismus wurde binnen weniger Monate aus dem Boden gestampft, der auch unseren Socialising-Fähigkeiten noch mal gewaltig auf die Probe stellt. Gute Gründe, um mich in meiner Examensarbeit für den Ausbildungsgang Modejournalismus und Medienkommunikation an der AKADEMIE MODE UND DESIGN in DÜSSELDORF, mit dem Thema Selfie und der Entwicklung eines neuen Narzissmus zu beschäftigen. Deswegen erzähle ich euch heute etwas über dieses spannende Phänomen in der Geschichte der Digitalisierung. Warum machen wir überhaupt Selfies? Und was passiert wenn wir diese im Netz teilen?

Seit nunmehr als zwei Jahren werden wir in der digitalen Welt, bei FACEBOOK, INSTAGRAM und TWITTER mit einer neuen Form des Selbstporträts konfrontiert.

Das Selfie ist eine neue Form der Mitteilung in sozialen Netzwerken. Ein Bild von sich selber, fotografiert aus der eigenen Hand. Wer heutzutage ein Smartphone besitzt, ist meistens auch bei FACEBOOK, INSTAGRAM oder TWITTER angemeldet und nutzt beispielsweise einen Messanger, wie WHATSAPP um mit Freunden zu kommunizieren. Was im nahen früher über Telefon, SMS und E-Mail geschah, läuft heute über Social Media Kanäle. Der Unterschied zu damals? Unsere stetige und größer werdende Transparenz.

Der gläserne Mensch wurde mit dem Zeitalter des Internets geboren. MARC ZUCKERBERG hat mit der Erfindung von FACEBOOK einen Meilenstein gesetzt und auch die Weichen für eine neue Plattform gelegt, auf der wir unsere selbst inszenierten Welten bauen und pflegen können. Dort haben wir die Möglichkeit eigene Profile zu erstellen und unseren „Freunden“ einen Einblick in unsere eigene kleine Wunschwelt zu geben. Andere sehen dort aber nicht unsere wirklichen Charakterzüge, sie sehen etwas, was wir gerne sein würden, oder sie sehen sollen. Immerhin teilen wir dort im besten Falle nicht alles, sondern nur ausgewählte Beiträge.

Im Gegensatz zu FACEBOOK, ist INSTAGRAM ein soziales Netzwerk, welches ausschließlich über Fotos funktioniert. Dort hat sich das Selfie Phänomen wie ein Lauffeuer ausgebreitet. Täglich posten Millionen von Usern dort mit einem Filter bearbeitete Bilder und schaffen sich so ihre persönliche Fotowelt. Aber wieso laden wir Fotos hoch und teilen diese mit unseren Abonnenten? Schließlich könnten wir sie ja auch, wie zu Zeiten unserer Großeltern, die Fotos entwickeln lassen und in ein liebevoll zusammengestelltes Fotoalbum kleben. Unsere Fotoalben existieren heute jedoch in der digitalen Welt. Ob von unserem letzten Urlaub, der letzten Party oder dutzende Selbstporträts. Unsere Eindrücke, festgehalten durch eine Smartphone Linse, präsentieren wir heute unseren digitalen Freunden und freuen uns über Anerkennung, Bewunderung und soziale Bestätigung in Form von Likes und Kommentaren.

Bye Bye Selfie – Ein Kommentar über die Entwicklung eines neuen Narzissmus

Einerseits machen wir Selfies um positive Reaktionen von anderen Nutzern zu erhalten. Und trotzdem fordern wir oftmals auch negative Gefühle heraus. Neid, Angst zu versagen, Eifersucht und der dauernde Druck mithalten zu können lastet auf uns und dies wird durch soziale Medien und geteilte Inhalte meistens nur noch verstärkt.

Wir profilieren uns indirekt mit unseren Selfies. Wer trägt den schöneren Schmuck, hat die individuellere Handtasche oder fährt das schnellste Auto? Wer macht den spektakulärsten Urlaub und hat den ausgefallensten Lebensstil?

Bye Bye Selfie – Ein Kommentar über die Entwicklung eines neuen NarzissmusWir liefern uns einen regelrechten Identitäts-Wettkampf im Netz. Eine ganze Generation ist unsicher und „bettelt“ in der digitalen Welt nach Bestätigung. Scheinbar gibt es in der echten Welt keine Vorbilder mehr.

Mit Selfies können wir zeigen, wer wir sein wollen. Wir lassen andere, die sich unsere „Freunde“ nennen an unseren persönlichen Erfahrungen und unseren schönen Momenten teilhaben. Mit dem Selfie ist es leichter geworden, das eigene Ich in den Mittelpunkt zu stellen. Mit wem, machen wir was, wo. Wir stellen uns in den Vordergrund und setzen uns jeden Tag aufs Neue in Szene. Wen wir auf unseren INSTAGRAM-, FACEBOOK- oder TWITTER-Profilen darstellen, entscheiden wir selber. Die ständige Anerkennung und Resonanz auf unsere geteilten Beiträge gibt uns Sicherheit in einer Welt, die uns und unsere individuelle Persönlichkeit, unsere Talente und Fähigkeiten verschlingen würde. Denn die Gesellschaft schaut nicht mehr darauf, wer du bist oder was du kannst.

Das was zählt, ist unsere Schnelllebigkeit, unsere Flexibilität und unsere Massenkompatibilität. Im Endeffekt bleibt uns nichts mehr anderes übrig, uns in selbst erschaffene Scheinwelten zu flüchten, um dort die Person zu sein, zu spüren und zu leben, die wir sein wollen.

Und trotzdem ist der Mensch auch egoistischer geworden. Im Zeitalter der Wissensgesellschaft, beschäftigen wir uns gerade auf Grund der vielen Entscheidungsmöglichkeiten, die wir haben, viel mehr mit uns selber. Nie zuvor haben so viele Menschen alleine gelebt wie heute. Denn wir haben eben keine Lust mehr auf Kompromisse. Wir reflektieren uns stetig selber und entwickeln ein ganz anderes Selbstbild, als unsere Eltern oder Großeltern. Trotzdem sucht jeder Mensch Achtung und Zuneigung. Seit es mehr Singlewohnungen als alles andere gibt, muss das digitale Netz herhalten und sorgt seither eben für die tägliche Portion Liebe. Das wir dabei jedoch auch ein Stück unserer Einzigartigkeit verlieren, während wir unsere tolle Welt zusammenbasteln, vergessen wir alle. Hinterher tauscht man eben oft Transparenz gegen Einsamkeit. Eigentlich wie in der analogen Welt, nur digital.

Wer hätte gedacht, dass einmal Likes, Follower und Hashtags zu der Währung einer neuen Generation werden würden? Follow for Follow und Like for Like heißt die Devise in der neuen sozialen Vernetzung, die letztendlich eine gigantische Tauschbörse von Fotos darstellt. Wie dieses neue System funktioniert? Das ist per se ein Geben und Nehmen unter „guten Freunden“, denn denen gibt man nun mal ein Küsschen. Ob jetzt analog oder digital, ist ja eigentlich völlig schnuppe. Was dabei rauskommt, ist eine große Plattform, auf der Bestätigung und Anerkennung an erster Stelle steht und das ist der Unterschied zum echten Leben. Den Liebesentzug, draußen in der realen Welt, auf Grund der vielen Facetten unserer neuen Gesellschaft, sei es das Singledasein oder der Konsum, kompensiert man schnell und effektiv in der digitalen Welt. Dort können wir so sein, wie wir wollen.

Dort werden wir endlich so gesehen, wie wir gesehen werden wollen. Was einst Narziss in seinem Spiegelbild gesehen hat, erleben wir heute bei FACEBOOK und INSTAGRAM jeden Tag aufs Neue. Ein unsympathischer Narzissmus hat sich breit gemacht und wir verlieben uns tagtäglich in unser liebevoll gepflegtes und gehegtes digitales, soziales Profil.

Da kommt das Selfie gerade rechtzeitig, um der Selbstverliebtheit nochmal einen ordentlichen Schubs zu verpassen. Ein Selbstporträt auf Armeslänge aus der eigenen Hand fotografiert. Das Selfie zählt schon zur täglichen Selbstbefriedigung. Mal wieder was für‘s Ego getan. Was früher als Fishing for Compliments verpönt war, ist bei im sozialen Netzwerk ein Entwicklungsprozess der Beliebtheit.

Bye Bye Selfie – Ein Kommentar über die Entwicklung eines neuen Narzissmus

Aber auch die Selfieness, ist wie das Selfie selbst schnelllebig. Schon der Blick durch die Smartphone-Linse ist im nächsten Moment out.

Das Selfie an sich ist nicht von langer Dauer und auch der Begriff feiert schon längst Neologismen. Belfie, Aftersexselfie, Hot-Dog-Selfie, Healthie, Shelfie und Selfienäpfchen sind nur einige Schlagworte, die hierzulande bei INSTAGRAM auftauchen.

Also bedenke gut, ob du dich in den Sog der unendlichen Selfiemania stürzt.

Denn letztendlich läufst du immer Gefahr, dass sich schon nach wenigen Sekunden und einem läppischen Like-Herzchen kein Schwein mehr für deine Visage interessiert, oder wie seht ihr das?