13 Reasons Why KolumneAm Wochenende habe ich mich einem meiner liebsten Hobbys hingegeben, Serien gucken. Manchmal entspannen sie, doch diesmal nicht. Es flossen Tränen. Der Trauer. Der Rührung. Des Entsetzens. Der tiefen Bestürzung und Wut. 13 Reasons Why geht unter die Haut, dringt durch sie hindurch und erschüttert tief in unserem Inneren. Eine kontroverse Serie, die mich schon mit der ersten Staffel fesselte und mit dem Erscheinen der Fortführung dazu zwingt, in mich hinein zu horchen und mit Dingen, die da tief in mir drinnen begraben schienen, wieder auseinander zu setzen.

Für mich war es deshalb unverzichtbar, den mitgelieferten Nachspann, der aus Diskussionsrunden mit den Schauspielern, Filmemachern, beratenden Experten sowie einem geladenen Publikum bestand ebenfalls zu verschlingen.

Teenager Probleme mögen lange hinter mir liegen und doch sind sie mit einem Schlag wieder da. Nun, da die Serie zu Ende ist, bin ich traurig, bedrückt und fühle mich unendlich einsam. Alte Gedanken kommen hoch und selbst wenn ich sie manchmal so gut wegschließe, als gehören sie zu einem anderen Leben, sind es doch die meinen, immer bei mir.

In der Serie geht es um harte Themen. Missbrauch. Gewalt sich selbst und anderen Menschen gegenüber. Mobbing. Verlust. Nichts, was kalt lässt. Dinge, die den anderen passieren. Doch es sind nicht die anderen, deren Herz bei manchen der gezeigten Szenen schmerzt. Das ist meine Empfindung.

13 Reasons Why KolumneIch schätze mich sehr glücklich aus einem starken Elternhaus zu kommen, das sich immer um mein Wohl bemüht hat. Und trotzdem kann ich mich, auch wenn ich es selten tue, an eine Zeit erinnern, in der Traurigkeit genauso eng zu meinem Leben gehörte, wie erste neue Erfahrungen und der Glaube an die eine große Liebe. Alles passierte Schlag auf Schlag, auf einiges davon war ich vorbereitet, auf anderes nicht und wenig habe ich nicht kommen sehen. Ich schloss Freundschaften, von denen ich dachte sie würden ein Leben lang halten, bis sie elend zerbrachen. Dramatisch endeten Liebesbeziehungen, die zu dunklen Schatten mutierten. In meinem Kopf und Herzen gab es früher Idealbilder, denen zu entsprechen mir nicht gelang. Das war schwierig für mich und noch viel komplizierter für meine Partner. Ich war auf einer Suche, doch wusste ich nicht wonach. Und was ich fand, war nicht immer rosa und schillernd, sondern auch düster und abgrundtief. So tief, dass mir schwindlig wurde. Dass ich mich ohnmächtig und hilflos fühlte, auch wenn ich nach außen immer stark wirken wollte. Um so tiefer ich blickte, um so höhere Mauern erschuf ich.

Ich empfand mich oft als anders. Eigen. Und das im positiven, wie im negativen Sinne. Ich gehörte immer eher zu denen irgendwo am Rand, als zu den coolen Kids. Und das war mir auch recht. Ich stand vielem skeptisch gegenüber und mochte den Abstand, den mir meine Rolle bot. Das machte zu einem gewissen Teil auch einsam. Doch dieses Alleinsein mag ich noch heute. Es ist ein Teil von mir und ich brauche es.

Ich lebe, liebe und lache aus vollem Herzen. Das war schon immer so. Ich mag das Leben und ich bin froh darüber, selbst zu entscheiden, wie ich es verbringen und füllen möchte. Ich bin dankbar dafür hier zu sein.

13 Reasons Why KolumneWenn du dich jetzt fragst, ob ich ähnliche Erfahrungen, wie die Teenager in der Serie gemacht habe, werde ich das nicht beantworten. Es sind meine, ganz persönlichen Erfahrungen und sie haben mich zu der gemacht, die ich heute bin. Ich habe erlebt was es heißt geliebt und verletzt zu werden. Und auch ich habe geliebt und bin gleichzeitig auch unfair und manchmal verletzend gewesen.

Wenn wir jung sind, fällt es noch viel schwerer über den eigenen Tellerrand zu blicken, wir sehen uns als Nabel der Welt und Hilfe anzunehmen oder zu erbitten ist manchmal unmöglich. Zu mindestens bei mir war das phasenweise so und da gab es noch kein Social Media, das mir täglich gezeigt hat, wie ich sein müsste, mich geben, kleiden und zeigen sollte um als schön, erfolgreich und klug wahrgenommen zu werden. Mir wurden nicht ständig Rollenbilder vor die Nase gehalten und Schubladen geöffnet, um hinein zu tauchen. Und trotzdem war es schwer und hart.

Deshalb mag ich 13 Reasons Why so sehr, weil diese Serie es schafft, Raum zwischen den Zeilen zu gewähren. Sie gewährt den kleinen Veränderungen und Gedankenspielen ebenso viel Raum, wie den großen, dramatischen Schicksalen, die in Extremen und Eskalation münden, die wir sonst nur ab und an aus den Nachrichten kennen. Nicht aber in unserem eigenen Umfeld wahrnehmen wollen.

Gewalt hat eine Vorgeschichte. Selbstmordgedanken entstehen nicht über Nacht. Einsamkeit kann schwerer wiegen, als wir es uns in unseren düstersten Stunden ausmahlen können. Um nur einige der Serienthemen zu nennen.

13 Reasons Why KolumneIch bin ich Starrkopf, ein Dickkopf und ich kann unendlich wütend werden. Ich bin zart und verletzlich, ängstlich unsicher. Ich bin stark und möchte mich um mich sorgen. Ich bin kreativ, ehrlich und mache mir manchmal etwas vor. Ich glaube an meine Träume und verzweifle manchmal an ihnen. Ich bin bunt und gleichzeitig so grau, dass ich unsichtbar werde. Das alles bin ich. Einiges davon bist vielleicht auch du.

Wenn ich mich in den sozialen Netzwerken umsehe, dann ploppt in meinen Accounts das Themen Selbstliebe noch und nöcher auf. Toll, dass wir das hinaus schreien und auf T-Shirts drucken. Dass wir Gute Forces gründen, um uns gemeinsam zu emanzipieren, dass wir die Laute benötigen, um die Stille loszuwerden.

Selbstliebe fängt bei uns an. Nicht bei unseren Körpern, Dellen und Marken, sondern innen drinnen. Wie heißt es so schön, du kannst erst für andere da sein, wenn du für ich selbst da sein kannst. Nur, wie sollen wir das meistern? Wie lieben wir uns selbst, ohne eitel oder arrogant zu sein? Wann wird aus Selbstbewusstsein Narzissmus und wie bemerken wir, dass wir geradewegs auf eine Wand zu steuern?

Jede Handlung, jeder Gedanke ist universal verknüpft und verstrickt. Wir agieren mit anderen, manchmal sehr bewusst und in so vielen Momenten unreflektiert und stur. Wer wir sind, bekommen wir meiner Meinung nach nicht über Meditation und das Hineinstarren in die Stille heraus, sondern wir ganz ehrlich und wertfrei auf unsere Handlungen blicken. Worum drehen wir uns? Uns selbst? Wie verhalten wir uns anderen gegenüber. Sind unser Geben und Nehmen im Gleichgewicht? Und wo lauert in uns die Bestie, von der wir nie wollen, dass jemand anderes sie zu Gesicht bekommt.

Wir sind, wie wir sind und wir können an uns arbeiten, vielleicht aber am besten, indem wir uns darauf besinnen, wie wir mit und in unserem Umfeld agieren. In welche Rollen schlüpfen wir besonders gerne. Und warum ist das so? Wann werden wir traurig, machen zu und vor allen Dingen, wie reagieren wir? Wenn man bei mir auf einen ganz bestimmten Triggerpunkt kommt, werde ich wütend, die Scheuklappen fallen herunter und reagiere böse und werde sogar gemein, weil ich mir dann Abstand einfordere, den ich dann dringend brauche. Zeit. Einsamkeit und ein Gegenüber, der das handlen kann, ohne es persönlich zu nehmen helfen mir aus dem Schneckenhaus heraus. Das ist nicht der richtige Weg, aber es ist ein Prozess, in dem beide lernen, oder sich zumindestens miteinander arrangieren.

13 Reasons Why KolumneIch glaube jeder von uns hat diese dunkle Seite. Das ist nichts was wir posten oder beim Kaffee erzählen, das ist ein Geheimnis, das wir hüten und verstecken. Aber was wäre, wenn wir das nicht tun. Wenn wir beginnen auch dies zu akzeptieren und vielleicht auf jemanden stoßen, der uns trotzdem mag, liebt und wertvoll findet. Wenn wir darüber reden. Würde das nicht extrem entlasten, helfen Mauern einzureißen oder zu mindestens eine Tür hinein zu zimmern?

Wir alle haben unsere Geschichten, unser Päckchen, unsere Wege mit Schmerz und Frustration umzugehen. Wir lassen es an anderen, aber auch an uns selbst aus. Wir gehen in Extreme, für die wir uns dann schämen, oder die wir überspielen. Wir brauchen Ventile wenn alles zuviel wird, seien es Sport oder die Lieblingsspeisen. Wir bestrafen uns und verbieten uns Dinge, treiben uns selbst an den Rand unserer Kräfte um uns zu spüren. Wir wollen wissen, wer wir sind, aber ignorieren die Stimme in unserem Inneren die uns die Antwort zuflüstern will. Wir verletzten uns und andere. Wir spielen mit unseren Gedanken: Wie wäre die Welt ohne uns?

Als junges Mädchen war Selbstmord ein Thema über das ich nachgedacht habe. Ich glaube niemals wirklich in dem Sinne, dass ich es tatsächlich in Betracht gezogen hätte, aber doch insofern, als dass dieses Phänomen eine gewisse Anziehungskraft auszuüben vermag. Ganz besonders, weil ich damals hingerissen von tragischen Literaturgeschichten war. Liebe und Tod sind Teile unseres Lebens, in welcher Form auch immer sie an uns heran treten mögen. Um so wichtiger, dass wir lernen, für uns selbst, aber auch als Gesellschaft in der wir gemeinsam leben, damit einen wirklichen Umgang zu finden. Und damit meine ich, dass wir uns trauen, frei von Klischees und Erwartungshaltungen in uns hinein zu spüren und beginnen miteinander zu reden.

Wenn wir etwas aussprechen, wird es wahrhaftig. Gedanken bahnen sich ihren Weg und finden im besten Fall Gehör und führen zu neuen Gedanken. Wir geraten in Konversation. In Austausch. Wir beraten und helfen uns. In unseren Familien. Mit unseren Freunden. Manchmal auch mit Fremden, die dann zu Partnern werden. Was auch immer Anziehung bedeuten mag, ist sie es, die glücklichsten Irrungen und Wirkungen beschert. 13 Reasons Why richtet sich an Heranwachsende und Erwachsene. Das ist so unendlich richtig und gleichzeitig so ein kleiner Teil.

13 Reasons Why KolumneUnser Gefühlschaos endet nicht mit der Pubertät, Beziehungen werden nicht einfacher, nur weil wir älter werden, Entscheidungen fallen nicht leichter und unserer Wissen, wie wir mit anderen umgehen sollen, ist oft auch im höheren Alter von frühen Erfahrungen geprägt. Wir sind wir, weil wir anecken, Fehler machen und so oder eben so damit umgehen. Wir stecken in unseren Rollen fest oder versuche Ideen von uns zu entsprechen, von denen wir denken, dass sie uns gut tun. Wir klammern uns an Ideale und indem wir versuchen diese zu erreichen, vergessen wir uns selbst. Wir werden täglich mit so vielen Endrücken und Vorbildern von außen bombardiert, dass wir zu wahren Selbstoptimierungsexperten werden. Wir sehen uns durch Filter und verschönern uns durch Apps, doch im Inneren sind wir, wer wir sind. Nur was ist, wenn diese Kluft immer größer wird. Wenn es schwer fällt zu akzeptieren, was uns das Leben als sein ganz persönliches Geschenk an uns mit auf den Weg gegeben hat. Und das, nur weil wir anders sind. Weil wir nicht in Schemen passen. Weil wir keinen Idealen entsprechen. Weil wir Angst haben und unsicher sind. Weil wir uns machtlos fühlen? Oder weil wir, die Rollen, die wir für uns auserkoren haben, gar nicht füllen können. Weil wir das innere Rumoren spüren, den leisen Wunsch zu entfliehen oder zu verändern?

Einige Dinge, die wir in unserem Leben tun, bleiben für immer. Wir bereuen sie, würden sie, wenn es diese zweite Chance gäbe um jeden Preis anders machen. Und doch gibt es diese wohl für die wenigstens von uns. Es geht weiter. Vorwärts. Und wir schleppen all das Chaos, das wir so sorgsam Jahr um Jahr in uns verschließen mit uns mit. In einigen Momenten ist dieses Päckchen schwer und erdrückt uns fast und schnürt uns die Luft ab. Und in anderen ist es wiederum leicht wie eine Feder. Und dann, plötzlich findest du dich in einer Situation wieder, in der du einfach reagiert und kämpfst und verzweifelst.

13 Reasons Why KolumneDoch so einsam, allein, entkräftet, unfair behandelt oder verletzt wir auch sind, wir sind nicht allein. Nicht auf dieser Welt und nicht in unserem Leben. Wir sind umgeben von Familie, Freunden und Hilfsorganisationen. Wir können uns Hilfe holen, darum bitten und es wird Menschen geben, die da sein werden, die stark genug sind, uns und dieses Packet zu tragen. Das ist für mich die wichtigste und größte Botschaft, die 13 Reasons Why vermittelt und auch nach jeder einzelnen Folge anbietet. Denn die Serie löst etwas aus, triggert und bewegt.

Nicht für jeden ist das familiäre Umfeld oder die eigenen Beziehung, die eigenen Wohnung, oder das Arbeitsumfeld das, was es sein sollte. Schutzräume, Gemeinschaften werden dazu missbraucht zu verletzen, Gewalt an zu tun und die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen, um jeden Preis. Körper werden missachtet, Seelen zerbrochen, Beziehungen ausgenutzt und Schicksale in völlig unkontrollierbare Bahnen gelenkt.

Unrecht geschieht. Vor unseren Augen genauso wie im Verborgenen. Jeden Tag. Nicht nur in Amerika oder irgendwo in der Ferne, an anderen Schulen, Universitäten oder in fernen Institutionen, sondern auch in meinem und vielleicht auch in deinem Umfeld. Wir haben mit Vorurteilen, Aburteilungen, Übergriffen, Respektlosigkeiten, Beleidigungen und Situationen zu kämpfen die uns Angst machen. Uns Frauen und Männern.

Wir können lernen, demgegenüber wachsamer zu sein und hinzusehen und hinzuhören. Da zu sein, wenn eine Schulter, ein Rat und Hilfe gebraucht werden.

13 Reasons Why KolumneWir sind es, die unsere Werte, unsere Zivilcourage, unsere Gesellschaft definieren. Und was sagt es über uns aus, wenn wir selbst beginnen auf der Hut zu sein? Wenn unsere Furcht uns leitet, von Dingen die wir gerne tun oder erleben wollen abhält? Es liegt bei mir, bei dir. Jeden Tag. Und wir können nicht alles richtig machen. Aber wir können uns vornehmen zu wachsen, ein bisschen besser zu werden, für uns und unsere Lieben.

Letzten Wochenende traf ich jemanden der meinte: „Ich habe alle Menschen, die mir nicht gut taten, aus meinem Leben gestrichen. Jetzt ist es schöner.“ Ich empfand es sofort als sehr radikal und dann begann ich darüber nach zu denken. Früher war das aus Stolz oder Verletztheit vielleicht auch ein Stück weit mein Weg. Ich habe Menschen und ganze Erlebnisse innerlich ausradiert. Sie scheinen komplett gelöscht, verschwunden und waren lange nicht Teil von mir. Doch das ist keine dauerhafte Lösung. Nicht für mich. Alles kommt wieder, holt uns irgendwann ein, hält uns den Spiegel vor und lässt uns straucheln. Irgendwann, zwingt diese Bestie uns in die Knie. Aber eventuell ist diese Auseinandersetzung nötig um Heilung und Genesung zu zu lassen. Dir Zeit heilt nicht alle Wunden. Aber wir können lernen mit den bleibenden Narben zu leben, sie zu akzeptieren.

Vielleicht tut es gut, an einigen Stellen Türen zu schließen. Doch reicht es manchmal auch die Tür anzulehnen oder ins Schloss fallen zu lassen. Wir müssen den Schlüssel nicht gleich dreimal umdrehen und in den nächstgelegenen Fluss werfen, denn unser Unterbewusstsein tut dies auch nicht.

Andere mit dem gleichen Respekt, derselben Wertschätzung und Liebe zu behandeln, die auch wir uns wünschen, das klingt so einfach, ist aber vielleicht die größte Herausforderung, der wir uns in unserem Leben stellen müssen.

Und wir können nicht alles kontrollieren und steuern, das Leben macht was es will und wir reagieren, wiegen uns in Sicherheit, genießen einige Atemzüge lang und stehen dann vor der nächsten Herausforderung. Wir fallen bei Stress und Panik in alte Muster, von denen wir uns längst als befreit empfanden und wundern uns darüber. Doch ist das nicht das natürlichste auf der Welt? Auch das macht uns zu denen, die wir sind. Und wir sind richtig, gut und liebenswert, auch wenn wir es in diesem Augenblick nicht fühlen oder erkennen können.

Wenn ich mich manchmal frage, was meine Aufgabe ist, der Sinn in meinem Tun, dann denke ich an Inspiration, daran, dass ich das Strahlen, was ich in mir trage gerne teile. Daran, dass ich auch eine Verantwortung habe, mir selbst und auch meinen Lesern gegenüber. Und wo Licht ist, ist immer auch Schatten und vielleicht liegt es ja heute auch in meiner Verantwortung auch einen kleinen Fetzen dieser meiner Dunkelheit mit dir zu teilen. Einfach nur, damit du weißt, du bist nicht allein.

13 Reasons Why Kolumne